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Darstellende Geometrie im weiteren Sinn
Unter darstellender Geometrie im weiteren Sinn (auch verallgemeinerte
darstellende Geometrie) wollen wir jede zwei-
(oder manchmal auch drei-)dimensionale geometrische Darstellung von
Objekten oder Beziehungen zwischen Objekten verstehen, die
- entweder eine höhere Dimension als drei haben
(für den Nichtmathematiker kaum vorstellbar),
- oder einer anderen als der euklidischen Geometrie
unterliegen (der anschaulichste Fall ist hier die Darstellung der
gekrümmten Erdoberfläche im ebenen Kartenbild wie unten im Entwurf
von Stabius-Werner),
- oder ganz abstrakt (im Sinne von nicht geometrisch) sind, z.B.
- der Stammbaum als graphische Darstellung von
Verwandtschaftsbeziehungen oder Beziehungen zwischen Begriffen,
wie die Bäume der Laster und Tugenden
- das graphische Bild einer Funktion im Koordinatensystem,
wobei x und y zum Beispiel physikalische oder ökonomische Größen
sind
- das statistische Diagramm, wie auch die Alterspyramide im unteren
Bild
- ein Ablaufplan als graphische Darstellung eines zu organisierenden
Prozesses
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Entwurf von Stabius-Werner
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Bäume der Tugenden und Laster |
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Alterspyramide auf Briefmarke |
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Nirgendwo ist die Analogie zwischen Mathematik und bildender Kunst so
groß, aber auch so verborgen wie in diesem Bereich,
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Geometrie in der | Euklid auf dem
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Kirche von Bristow
| Schönen Brunnen (Nürnberg) |
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denn
auch Kunst stellt häufig als letztlich geometrisches Produkt (ebenes
Bild oder räumliche Skulptur) etwas dar, was unseren Sinnen sonst
nicht unmittelbar zugänglich wäre. Künste und Wissenschaften,
Tugenden und Laster wurden seit altersher personifiziert, d.h. durch
Personen dargestellt, die den betreffenden abstrakten Begriff
repräsentieren (z.B. die Geometrie durch Euklid) und denen eventuell
der Eindeutigkeit halber noch Gegenstände beigegeben wurden: der
Eitelkeit ein Spiegel, der Tapferkeit ein Schwert, der Geometrie ein
Zirkel. Auch ein dargestelltes Gefühl wie Trauer, Freude, Liebe, ein
historisches oder mythisches Ereignis ist als solches ein Abstraktum
und von seiner bildlichen Darstellung verschieden. Genau wie schon in
der traditionellen und erst recht in der verallgemeinerten
darstellenden Geometrie ein Bild im allgemeinen ohne zusätzliche
nichtoptische Informationen über das Abgebildete, über die verwendete
Darstellungstechnik und eventuell über den Urheber des Bildes und
seine Absicht unverständlich bleibt, erschließt sich die Botschaft,
die ein Kunstwerk (eventuell) vermitteln will, im allgemeinen nur
durch zusätzliches Wissen aus den bereits genannten Kategorien.
Darstellende Geometrie im eben erläuterten weiteren Sinne betrieb
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Plakat von Guderian |
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Dietmar Guderian, als er das Plakat der IX. Kunstausstellung
documenta (Kassel 1992) entwarf. Man sieht die an eine Wandtafel
gemalte und geschriebene Erklärung des Begriffes Differentialquotient
am einfachen Beispiel der Funktion y = x2. Hier ist in hohem Maße
Zusatzinformation nötig, um die Aussage des Plakates und seinen
Zusammenhang mit der Kunstausstellung zu verstehen. Den Schlüssel
liefert das farbig hervorgehobene Wort displacement. So wie man sich
um ein Stück von der Stelle x entfernen muß, um über den
dann zu bildenden Differenzenquotienten schließlich den Anstieg der
Tangente im Punkt x zu finden, soll man sich auch bei der Betrachtung
eines Kunstwerkes ein Stück weit davon entfernen (im wörtlichen wie im
übertragenen Sinn), um es aus der Distanz zu verstehen. Dies ist
freilich eine Analogie, auf die wohl kaum jemand ohne Hilfe kommen wird.
Wer will da noch behaupten, Mathematik sei schwerer zu verstehen als Kunst!
Wir gelangen nun in einen eigenartigen Grenzbereich zwischen der Nutzung
mathematischer Konzepte der darstellenden Geometrie im weiteren Sinne
für künstlerische Zwecke und der gelegentlichen (eventuell auch
selbstgestellten) Aufgabe des Künslers, ein mathematisches Thema zu
bearbeiten, insbesondere vielleicht im Zusammenhang mit einem in
Auftrag gegebenen Denkmal etwas von der an sich abstrakten Leistung
eines Mathematikers optisch umzusetzen.
Zu den mathematischen Gegenständen, die spontan das Interesse von
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Möbius-Topf | Johann Benedikt Listing |
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Künstlern gefunden haben, gehören u.a. die als Loxodromen
bezeichneten Kurven auf einer mit Gradnetz versehenen Kugel, die jeden
Meridian unter einem konstanten Winkel schneiden und daher große
Bedeutung für die Navigation besitzen. Escher hat
mehrfach Bilder von Kugeln 8.6 mit diesen Kurvenscharen
geschmückt. Sie nähern sich den beiden Polen in immer enger werdenden
Spiralen, ohne sie jemals zu erreichen. Dazu gehört das sogenannte
Möbiussche Band (benannt nach dem bereits
zitierten Mathematiker A. F. Möbius, sein Erstentdecker
(1862) war allerdings Johann Benedikt Listing (1808-1882).)
Schon 1935 realisierte Bill erstmals ein Möbiussches Band als Skulptur,
die Plastik "Unendliche Schleife" (Museum of Arts,
Baltimore). Damals glaubte er noch, selbst der Erfinder dieses ebenso
einfachen wie erstaunlichen geometrischen Gebildes zu sein.
An der Einseitigkeit des Bandes ändert sich nichts, wenn
man es beliebig verbeult (topologisch verformt), z.B. zu einer Schale
mit verdrehtem Henkel, auf der man folglich über den
Henkel von der Innen- zur Außenseite gelangen kann, ohne einen Rand zu
überschreiten.
Während sich das Möbiusband noch ohne Selbstdurchdringung im Raum
realisieren läßt, ist dies bei randlosen einseitigen Flächen nicht
mehr möglich. Insofern gehören ihre sich dann notwendigerweise selbst
durchdringenden Modelle zu unserer eingangs aufgelisteten Rubrik (2) der
darstellenden Geometrie im weiteren Sinn. Wir zeigen ein Glasmodell der
sogenannten Kleinschen Flasche (auch Kleinscher Schlauch) und ein
aus Stahlbändern gefertigtes Modell der Boyschen Fläche. Letztere
hat in der Mathematik eine besondere Bedeutung: Ordnet man jeder Schar
untereinander paralleler Geraden einer Ebene) einen unendlich fernen Punkt
zu, wie es u.a aus den Bedürfnissen der Zentralperspektive entspringt,
so schließen diese jede Gerade zu einer gesschlossenen Kurve ab, da man
dem unendlich fernen Punkt einer Geraden auf ihr in beiden Richtungen
näherkommen kann. Eine grobe Vorstellung von der derart projektiv
abgeschlossenen Ebene erhält der Besucher, wenn er sein Taschentuch in
die Hand nimmt und versucht, je zwei diametral gegenüberliegende Punkte
des Randes zusammenzuführen. Ohne Selbstdurchdringung ist dies offenbar nicht
möglich. Die Boysche Fläche realisiert es mit minimaler Selbstdurchdringung.
Ihr Modell steht seit 1991 im Park des Mathematischen Forschungsinstitutes
(Kongresszentrum) Oberwolfach/Schwarzwald (gespendet von der Daimler-Benz AG).
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Zeichnung der Kleinschen Flasche
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Kleinsche Flasche
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Boysche Fläche |
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Eine ganz andere Art nichteuklidischer Geometrie entstand aus dem Nachweis,
daß das Axiom des Euklid nicht aus den übrigen
Grundsätzen der Geometrie beweisbar ist.
Wir bemerkten schon, daß die durch ein Bild vermittelte Information im
allgemeinen auf dem Zusammenspiel zwischen Bild und nichtoptischer
Zusatzinformation beruht. Zu ergänzen ist nun, daß es dabei eine unendliche
Schar von Möglichkeiten gibt, wie die Information auf Bild und
Nichtbild verteilt sein kann, und dabei neben dem häufigen Fall der
bildlosen Information auch der Fall der bildlichen Information ohne
Zusatzinformation gelegentlich vorkommt. (Dies ist ein Teil des gemeinsamen
Forschungsprogramms von Mathematikern und Kunstwissenschaftlern in
Greifswald.) Speziell in der Mathematik (aber nicht nur dort, man denke an
Piktogramme!) tritt dieser Fall tatsächlich seit ihrem Beginn vor mehr als
5000 Jahren gelegentlich auf, wenn ein Begriff oder Sachverhalt durch eine
graphische Darstellung so klar vermittelt werden kann, daß es keiner
zusätzlichen Erläuterung bedarf. Ein Beispiel dafür ist der 1969 errichtete
sogenannte Wissenschaftlerwürfel in Halle-Neustadt.
Die Seite, die Georg Cantor (1845-1918) gewidmet ist, stellt seinen
Beweis ohne Worte für die Abzählbarkeit der Menge geordneter Paare von
natürlicher Zahlen dar. Durch Betrachten der graphischen Darstellung der
Beweisidee, kann man auch ohne explizite Kenntnis der Begriffe Abzählbarkeit
und geordnetes Paar den Sachverhalt intuitiv verstehen.
WWW-Gestaltung: Alexander Wolff und
Paul Rosenthal,
11. Juli 2006
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