 |  |  | Mathematik und Mathematiker als Objekte der Kunst |
Mathematik und Mathematiker als Objekte der Kunst
Während es unzählige bildliche und plastische Darstellungen bestimmter
Mathematiker und, wie wir oben sahen, nicht wenige Darstellungen
mathematischer Objekte oder Begriffe im Sinne der verallgemeinerten
darstellenden Geometrie gibt, ist die Zahl solcher Kunstobjekte, die ohne
Bezug auf eine bestimmte Person etwas über die Mathematik als Ganzes, als
gesellschaftliche Erscheinung oder ihre Stellung in der Welt aussagen,
ziemlich klein.
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Holzschnitt von Reisch
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Die Schule von Athen |
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Als erstes Beispiel zeigen wir den bei Mathematikern sehr gut bekannten
Holzschnitt aus dem Buch "Margarita philosophica" von Gregor
Reisch (1504), der allegorisch den damals aktuellen Wettstreit zwischen
dem von den Römern übernommenen Abacus (d.h. das Rechnen mit Rechensteinen
auf einem liniierten Rechentisch, -brett oder -tuch oder mit Kugeln, die auf
Drähten verschoben werden) und dem aus dem Orient vordringenden
algorithmischen Rechnen zeigt.
Auf dem Holzschnitt sind die Anhänger des Abacusrechnens (irrtümlich)
durch Pythagoras (um 580-um 500 v. Chr.) und die Anhänger des
fortschrittlicheren algorithmischen Rechnens (ebenso falsch) durch den Römer
Boetius (480?-525?) repräsentiert. Auch sie sind mit den entsprechenden
Namen benannt. Im Hintergrund steht als Schiedsrichterin die personifizierte
Arithmetik, und an den Mimiken der Kontrahenten ist deutlich
zu sehen, wie der Wettstreit ausgegangen ist. Indem der Holzschnitt auf
drastisch-humorvolle Weise das Unterliegen der alten Rechenmethode
illustriert, stellt er ein damals zentrales Problem der Alltagsmathematik dar,
das jeden betraf, der rechnen mußte. Unwillkürlich fragt man sich, ob und wie
man die heutige Situation desjenigen Teils der Mathematik, mit dem nicht nur
die professionellen Mathematiker in Berührung kommen, und ihre Stellung in der
Welt ähnlich überzeugend künstlerisch umsetzen könnte. Am ehesten gelingt dies
vielleicht einer bestimmten Art von in Mode gekommenen Collagen und
Fotomontagen, bei denen klassische Bilder mit Versatzstücken aus der
Computertechnik kombiniert werden, zu denen auch das Plakat unserer
Ausstellung gehört.
Rechts daneben sieht man das berühmte Wandbild "Schule von Athen" (1508-11)
von Raffael, das sich in der Stanza della Segnatura des Vatikan
befindet. Mit der "Schule" ist offenbar die Akademie des Platon gemeint, die
jedoch - typisch für die Renaissance - in einen Bau aus der Zeit Raffaels
verlegt ist. Die auf dem Bild sichtbaren Personen stellen berühmte Gelehrte
der Antike wie Euklid, Archimedes, Ptolemaios dar, tragen jedoch die Züge von
Zeitgenossen Raffaels: Leonardo da Vinci, Michelangelo, Bramante,...
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Euklid auf dem
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Frontispiz zu Opera Omnia
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Schönen Brunnen (Nürnberg) |
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Die Figur des Euklid auf dem Schönen Brunnen in Nürnberg könnte man natürlich
auch den Mathematikerbildnissen zurechnen. Abgesehen davon, dass
Porträtähnlichkeit bei der nachträglichen Darstellung antiker Personen nicht
erwartet werden kann, ist ihre Funktion aber hier die Personifizierung
der Geometrie als einer der sieben freien Künste des mittelalterlichen
Universitätsstudiums. Zusammen mit Personifizierungen der Arithmetik,
Astronomie, Harmonielehre (die vier im damaligen Sinne mathematischen
Wissenschaften des Quadriviums) und der Rhetorik, Grammatik und
Dialektik (dem Trivium) sowie der durch Aristoteles personifizierten
Philosophie bilden sie die unterste Etage dieses um 1596 vollendeten
19 Meter hohen Brunnens mit insgesamt 40 Figuren auf dem Nürnberger
Hauptmarkt [Zintl, 1993]. Damit beim Betrachter
keine Zweifel über die Figuren und ihre Bedeutung aufkommen können,
trägt Euklid wie alle anderen Figuren auf einem Spruchband seinen
Namen, außerdem in der Hand einen Zirkel und einen rechten Winkel.
Rechts daneben sehen wir das Frontispiz zu den von David Gregory 1703 in
Oxford herausgegebenen "Opera omnia" des Euklid. Der Text darunter weist das
Bild als Illustration zu einer interessanten Stelle in den "Zehn Büchern über
Architektur" von Vitruv (1.Jh) aus: Der Sokratesschüler Aristippos
ist mit einigen Gefährten
am Ufer einer ihm unbekannten Insel (es handelt sich um Rhodos)
gestrandet. Beim Anblick einer in den Sand geritzten geometrischen Figur sagt
er sinngemäß: "Freunde, wir können Hoffnung schöpfen, zivilisierte Menschen
nahe und daher außer Gefahr zu sein." Geometrie demnach als Symptom
humanistischer Gesinnung? So gern wir Mathematiker uns in solchem Ruf sehen
würden, so muss man doch aus heutiger Sicht an die vielen (und zum Teil schon
praktizierten) Möglichkeiten denken, auch mit der Mathematik Missbrauch zum
Schaden der Menschheit zu treiben.
Gelegentlich ist der Bezug eines Kunstwerkes zur Mathematik so speziell, dass
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Hand aus den Musei Capitolini |
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es besonderer Kenntnisse bedarf, ihn zu entdecken. Heinz Lüneburg
(Universität Kaiserslautern) verdanken wir das folgende Beispiel. Er
fotografierte in den Musei Capitolini in Rom die hier gezeigte
steinerne Hand und gestattete uns freundlicherweise die Verwendung seines
Bildes. Dem Laien wird nur die bis ins Detail naturalistische Wiedergabe
einer Hand auffallen, und ihre Gebärde wird er womöglich als
„mahnend erhoben“ interpretieren. Wer jedoch die um die Zeitenwende im
gesamten römischen Reich und noch im Mittelalter verbreitete Methode kennt,
Zahlen zwischen 1 und 9999 durch Stellungen beider Hände bei
Zwischenrechnungen (mit den Worten von H. Lüneburg) „dynamisch“ zu speichern,
erkennt in der Haltung der Hand die Zahl 2900. Dabei ist wichtig, dass es
sich um die rechte Hand handelt: Die linke Hand speichert die Zahlen von 1
bis 99, die rechte Hand mit den gleichen Gebärden die jeweils mit 100
multiplizierte Zahl Die ausführliche Erklärung der Fingerzahlen und ihres
Gebrauchs kann man in Lüneburgs Buch Leonardi Pisani Liber Abbaci oder
Lesevergnügen eines Mathematikers, 2. Auflage, Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich,
1993, S. 50f oder bei Karl Menninger: Zahlwort und Ziffer, 2. Auflage,
Göttingen 1958 nachlesen.
Kommen wir nun zu den Mathematiker-Porträts und -denkmalen. Davon gibt es
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Antike Büste | Archimedes-Plastik
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des Archimedes
| von Gerhard Thieme |
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tausende, und wir können hier nur an einigen Beispielen aus verschiedenen
Epochen Typisches oder Bemerkenswertes zeigen. Zu den ältesten derartigen
Kunstobjekten gehören Porträtbüsten antiker Gelehrter wie Platon, Aristoteles,
Ptolemaios aus römischer Zeit, die sicher niemals Porträtähnlichkeit
beanspruchen können, da sie lange nach dem Tod der betreffenden Personen
entstanden. Dennoch haben sie durch ihre häufige Reproduktion im Laufe der
Zeit bewirkt, daß man sie erkennt und sich den Betreffenden unwillkürlich
gerade so vorstellt. Als Beispiel zeigen wir die antike Büste des
Archimedes von Syracus (287?-212 v. Chr.) (Museo di Capodimonte,
Neapel). Während der Zusammenhang zwischen Büste und Person hier nur durch
kunsthistorisches Wissen hergestellt wird, ist bei der zeitgenössischen
Archimedesplastik des Bildhauers Gerhard Thieme der Bezug ohne Inschrift für
jeden Betrachter klar, der etwas über Archimedes und insbesondere über die
Legende von seinem Tod weiß. Diese Plastik entstand ursprünglich als
Auftragswerk für den Universitätscampus Würzburg. 1977/78 hat der Künstler
noch vier nicht identische Varianten geschaffen, die vor Sankt Marien in
Güstrow, vor der Bibliothek der Universität Magdeburg, im Park der
Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow und auf dem Hof einer Schule in
Ellrich (Südharz) aufgestellt wurden. Wir zeigen die Varianten aus Treptow und
Güstrow.
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Archimedes-Plastik in Güstrow
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Archimedes' Tod |
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Auch das römische Mosaik, das den eindringenden Söldner einbezieht,
lässt ohne weitere Erklärung erkennen, dass es sich um den Tod des Archimedes
handelt. Dem Archimedes wurden zahlreiche weitere Kunstwerke gewidmet,
u.a. barocke Phantasieporträts von Domenico Fetti (1589-1624) und
Jusepe de Ribera (1591-1652) und ein (in zwei Varianten existierendes)
Gemälde "Seneca entdeckt das Grab des Archimedes".
Aus der im engeren Sinne mittelalterlichen Kunst zeigen wir eine
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Buchillustration mit Nicole de Oresme |
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Buchillustration, die den Bischof der Normandie
Nicole de Oresme (um 1323-1382) darstellt. Oresme bettete in
einer für seine Zeit typischen Weise mathematische und naturphilosophische
Studien in seine theologische Tätigkeit ein. Die Mathematik verdankt ihm u.a.
die erste Überlegung, warum die Summe 1 + 1/2 + 1/3 + 1/4 + ... aller
Stammbrüche jede endliche Schranke übertrifft, sowie die Einführung
gebrochener Exponenten und Regeln für das Rechnen mit Potenzen. Auf dem Bild
weist ihn in ebenfalls zeittypischer Weise eine Armillarsphäre (ein einfaches
Modell des geozentrischen astronomischen Systems) als einen den mathematischen
Wissenschaften zugeneigten Gelehrten aus.
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Stephansdom in Wien |
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Während Nicole de Oresme sozusagen ein Vertreter der theoretischen Mathematik
des Mittelalters ist, können wir auch einen Vertreter der damaligen
praktischen Mathematik zeigen: den Bildhauer und Dombaumeister
Anton Pilgram (um 1450 - um 1515). Er hat sich wie auch einige seiner
Kollegen in den von ihnen geschaffenen Kirchen selbst porträtiert. Das
gezeigte Bild ist aus dem Stephansdom in Wien. Dort gibt es sogar noch ein
zweites Selbstporträt von Pilgram, das als "Fenstergucker" bekannt ist.
In beiden Bildwerken charakterisiert sich Pilgram, der vermutlich in Brno
geboren wurde, durch die geometrischen Konstruktionsinstrumente in seinen
Händen. Mehr über die Dombauhütten und ihre Traditionen findet man in dem
Büchlein von F. Kaderavek.
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Porträt des Euklid |
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Das Phantasieporträt des Euklid gehört zu einer Serie von 28 Bildern berühmter
Wissenschaftler und Dichter, die der niederländische Maler Joos van Wassenhove
(auch als Justus van Gent bekannt, um 1435 - nach 1480) im Auftrag des Herzogs
Federico da Montefeltro von Urbino malte. Derselbe Herzog begegnet uns auch
als Mäzen des Luca Pacioli und vermutlicher Sponsor des berühmten Bildes unten,
das wahrscheinlich ihn selbst in Gesellschaft des Luca Pacioli zeigt. Während
Euklid sonst fast immer als alter und ethnisch neutraler Mann
dargestellt wird, ist er hier offenbar noch in den besten Jahren und offenkundig
mediterranen Geblüts. Wundern müssen wir uns heute darüber, dass ausgerechnet
ein Bild, welches den Euklid darstellen soll, auf geometrisch so unbefriedigende Weise
gemalt und von dem wissenschaftsbegeisterten Herzog offenbar auch akzeptiert wurde:
Der wie auf dem Bild gehaltene Zirkel und wahrscheinlich auch die Tafel müssten dem
Geometer sofort aus den Händen fallen.
Zu den bekanntesten Mathematikerporträts der Renaissance zählt das in
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Pacioli mit Guidobaldo da Montefeltro |
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Neapel befindliche Bild des Luca Pacioli (1445-1517) mit seinem
Schüler und Mäzen, dem Herzog Guidobaldo da Montefeltro (der
wohl auch das Bild in Auftrag gegeben und bezahlt hat.)
Es wurde von Jacob Welch (in Italien als Jacopo de' Barbari,
1440-1515) geschaffen, der auch zeitweise in Nürnberg gearbeitet
hatte und mit Dürer in Kontakt stand. Die Wendung, die die Dinge
inzwischen genommen haben, ist an den Bildbeigaben erkennbar: Die
Armillarsphäre oder der Zirkel sind keineswegs mehr die einzigen
Attribute, mit denen der Künstler einen Mathematiker als solchen
kenntlich machen kann. Der von oben herabhängende archimedisch
halbreguläre Körper sollte übrigens im 20. Jahrhundert den Anstoß zur
überraschenden Entdeckung eines bis dahin übersehenen solchen Körpers
geben: Verdreht man die obere oder untere der drei Schichten, aus
denen er aufgebaut ist, um 45 Grad, so erhält man einen Körper, der
zwar der klassischen Definition der archimedischen Polyeder genügt,
jedoch sind seine Ecken trotzdem nicht paarweise ununterscheidbar.
Zu den ganz wichtigen und vielseitigen Mathematikern zählte
Pierre de Fermat (16081-1665). Von den verschiedenen Kunstwerken,
die Fermat gewidmet wurden, zeigen wir die weniger bekannte
Skulptur (1898) von
Théophile Eugéne Victor Barrau (1848-1913) im
Rathaus zu Toulouse. Die Dame auf dem Schoß Fermats soll die ihn
inspirierende Muse sein. Man brauchte eben an der Wende zum
20. Jahrhundert immer einen Vorwand, gut gebaute nackte Damen
darzustellen. Daß aber Fermat eine Muse gehabt haben muß, unterliegt
keinem Zweifel: Er gehört zu den Begründern von vier großen
mathematischen Disziplinen, der Differentialrechnung, der
Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Koordinatengeometrie und der
Zahlentheorie. Eine seiner zahlentheoretischen Behauptungen, daß
nämlich für n > 2 die zum Satz des Pythagoras a2 + b2 = c2
analoge Gleichung nicht mehr durch ganze Zahlen a, b, c erfüllt
werden kann, hat mehr als 330 Jahre lang allen Beweisversuchen der
berühmtesten Mathematiker widerstanden und wurde erst 1995/97 von
Andrew Wiles endgültig bewiesen. Interessenten sei dazu das
populäre Buch von [Singh, 1998] empfohlen.
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Newton von W. Blake
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Büste von Rysbrack |
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Bilder und Büsten können der Nachwelt den Eindruck eines "Heroen"
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Grabmalsentwurf |
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vermitteln, den es so nie gegeben hat. Als 1735 in Stowe nahe
Buckingham (England) eine erste Gedenkstätte für berühmte Briten errichtet
wurde, der Tempel der "British Worthies", stand dort neben den Büsten von
Elisabeth I., Francis Bacon, John Locke und Shakespeare unter anderem auch ein
Newton, den niemand, der ein Bild des lebenden Newton gesehen hat, als Newton
identifizieren würde, vergleichbar vielleicht der Heldenpose des Vigelandschen
Abel. Der Schöpfer dieser Büste war Michael Rysbrack. Der französische
Architekt Etienne-Louis Boullée (1728-1799) entwarf 1784 ein
bombastisches Grabmal in Kugelform für Newton und schrieb dazu: "Oh Newton!
Mit dem Rang Eurer Intelligenz und der sublimen Natur Eures Genius habt Ihr
die Form der Erde bestimmt. Ich stelle mir vor, Euch mit Eurer Entdeckung zu
umhüllen." Vielleicht war es eine Reaktion auf diesen übertriebenen
Heldenkult, gemischt mit der Tradition des im Sande zeichnenden Archimedes,
die den skandalumwitterten frühromatischen englischen Maler und Dichter
William Blake (1757-1827) zu seinem absonderlichen Newtonbild (1795)
veranlasste.
Die
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Porträt von René Descartes | Seitenverkehrte Kopie |
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gemalten oder gezeichneten Mathematikerbildnisse aus der Zeit vor
der Erfindung der Fotografie sind wichtige Requisiten der
Wissenschaftsgeschichte, und sie sind auch immer dann gefragt, wenn es
gilt, einen berühmten Gelehrten z.B. anläßlich eines runden Jubliäums
durch eine Biographie, ein Denkmal, eine
Tagung oder eine Briefmarke zu ehren. Obwohl es sehr viele solche
Bilder gibt, kam es nur sehr selten vor, daß der Künstler, der das
Bild schuf, heute von etwa gleicher Berühmtheit wie der Porträtierte
ist. Ein Ausnahmefall ist das Porträt rechts, das Frans Hals
(1580?-1666) etwa im September 1649 von dem Mathematiker und
Philosophen René Descartes (1596-1650), dem neben Fermat
zweiten Vater der Koordinatenmethode, schuf. Es hat eine seltsame
Geschichte: Da nach dem plötzlichen Tod von Descartes am schwedischen
Königshof im Februar 1650 so viele ein Bild des schon damals sehr
berühmten und geschätzten Mannes haben wollten, entstanden noch im 17.
Jh. mehrere Kopien, zum Teil sogar seitenverkehrt (siehe das
beigegebene kleine Bild) und mit deutlich unterschiedlichem
Gesichtsausdruck. Das Original befindet sich im Besitz der dänischen
Carlsbergstiftung und ist leider in sehr schlechtem Zustand
[Slive, 1989]. In der mathematischen Literatur sind
Abbildungen unterschiedlicher Kopien verbreitet, meist ohne genaue
Angabe der Herkunft.
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Jugendbild Descartes
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Descartes-Porträt von Weenix
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Simsfigur im Louvre |
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Das Jugendbild ist von unbekannter Hand, und vermutlich nicht
authentisch. Das zweite wurde 1647 von dem holländischen Porträtmaler
Jan Baptist Weenix (1621-1660) gemalt. Beide sind in der
mathematikhistorischen Fachliteratur ganz unbekannt.
Der Fall Descartes wirft die Frage auf, wie weit man historischen
Wissenschaftler-Porträts vertrauen bzw. Authentizität unterstellen darf. Wir
erwähnen dazu noch zwei schockierende Beispiele:
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Porträt von Christoph Clavius |
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Das rechts gezeigte Porträt existiert in zwei praktisch identischen Varianten
in Rom und in Graz. Laut Unterschrift zeigt jedoch das Bild in Rom den
jesuitischen Mathematiker Christoph Clavius (1537 - 1612), das Bild
in Graz den ebenso bekannten und bedeutenden jesuitischen Mathematiker
Paul Guldin (1577 - 1643). Das Bild von Clavius ist nach Auskunft
von Dr. Andreas Pechtl (Mainz) ein Kupferstich von Francesco
Villamena (1566 - 1624) von guter Qualität und vermutlich authentisch.
Das Porträt von Guldin wurde, da es das Todesjahr von Guldin nennt, erst
nach 1642 in Öl von unbekannter Hand gemalt, wobei als Vorlage offenbar ein
Exemplar des genannten Kupferstiches diente.
- Im 100. Todesjahr 1960 des ungarischen Mathematikers
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Rumänische | Ungarische |
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Briefmarke | Briefmarke |
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Janos v. Bolyai, dessen Heimat heute zu Rumänien gehört, verlangte das
rumänische Postministerium zwecks Ausgabe einer Gedenkbriefmarke von den
örtlichen Behörden ein Bild des berühmten Mannes. Unter den damaligen
Verhältnissen traute man sich anscheinend nicht zu antworten, dass es ein
solches Bild nicht gibt, und sandte das zufällig vorhandene Bild eines
Zeitgenossen Bolyais (vermutlich ein Angehöriger der Familie Habsburg). Die
ungarische Post kopierte noch im gleichen Jahr dieses Bild auf einer
ungarischen Gedenkmarke für Bolyai. Seitdem dienten diese Pseudoporträts im
Vertrauen auf Authentizität als Vorlage für Illustrationen von Artikeln über
Bolyai und die nichteuklidische Geometrie in zahlreichen Büchern und Lexika.
Mit einem großen Zeitsprung gelangen wir zu einem zweiten Fall, in dem ein
berühmter Maler einen berühmten Mathematiker porträtierte:
Max Liebermann (1847-1935) malte den bereits mehrfach erwähnten
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Porträt von Felix Klein | Vigelands Abel |
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Felix Klein. Das Bild hängt im Mathematischen Institut der
Universität Göttingen. Klein seinerseits, dessen Sinn fürs Moderne
offenbar in der Kunst nicht im gleichen Maße entwickelt war wie in der
Mathematik, hat sich in seinem Buch
Vorlesungen über die Entwicklung der Mathematik im 19. Jahrhundert
(posthum 1926) sehr kritisch über das Werk eines zumindest in seiner
norwegischen Heimat sehr berühmten Bildhauers geäußert: Gustaf Vigeland
(1869-1943) schuf das Denkmal für den norwegischen Mathematiker
Nils Henrik Abel (1802-1829), das 1908 vor dem Osloer Schloß
aufgestellt wurde. Klein schrieb darüber:
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Ich kann es mir nicht versagen, bei dieser Gelegenheit an das ganz
anders geartete Denkmal zu erinnern, das statt dessen für Abel in Kristiania
errichtet wurde und das jeden, der seine Natur kennt, schwer enttäuschen
muß. Auf einem hochragenden steilen Granitblock schreitet ein jugendlicher
Athlet vom Byronschen Typus über zwei gräuliche Opfer hinweg in die
Höhe. Kann man den Helden allenfalls noch als Symbol des menschlichen
Geistes auffassen, so fragt man sich vergeblich nach der tieferen Bedeutung
dieser Ungeheuer. Sind es die besiegten Gleichungen fünften Grades oder die
elliptischen Funktionen? Oder Kummer und Sorge des täglichen Lebens?
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Vigelands Abel entstand im Ergebnis eines 1902 anläßlich von Abels 100.
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Abel-Denkmal | Abel-Denkmal |
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in Oslo-Blindern | in Froland Verk |
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Geburtstag ausgeschriebenen Wettbewerbs. Den ersten Preis erhielt damals ein
Entwurf von Ingebriks Vik (1867-1927), der erst um 1965 realisiert wurde
und seitdem auf dem neuen Campus Oslo-Blindern steht. Felix
Klein hätte er wahrscheinlich besser gefallen. Der zweite Preis ging an einen
Entwurf des Bildhauers Gustav Lærum, welcher nun durch Per Ung
und Roald Kluge erweitert und ausgeführt wurde. Die Einweihung des
Denkmals in Froland Verk war am 5.8.2002.
Der Name des in Prag geborenen Mathematikers, Logikers und
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Bernard Bolzano |
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Moraltheologen Bernard Bolzano (1781-1849) ist bis heute mit
mehreren wichtigen Begriffen und Sätzen verbunden, die jeder
Mathematikstudent schon im ersten Jahr lernt. Bolzano verbrachte
jedoch, da er unter dem Metternich-Regime politisch untragbar war, die
letzten 25 Jahre seines Lebens abgeschieden, von der Wohltätigkeit von
Freunden lebend, ohne Wirkungsmöglichkeit und konnte kaum etwas
publizieren. Erst in der Gegenwart wird sein umfangreiches Werk
vollständig publiziert (120 Bände geplant!). Das Porträt, das der
Wiener Maler Heinrich Hollpein (1814-1853) um 1839 von Bolzano
schuf, befindet sich im Tschechischen Nationalmuseum in Prag. Auch
dieses Gemälde demonstriert eindrucksvoll, dass ein meisterhaft
gemaltes Porträt mehr über einen Menschen aussagen kann als ein Foto.
Seit der Erfindung der Fotografie ist das vorher unverzichtbare realistische
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Copernicus-Denkmal in Torun |
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Porträt wenig gefragt (obwohl es immer noch mehr über eine Person aussagen
kann als eine Momentaufnahme). Künstler, die den Auftrag für ein Denkmal
erhalten, sind mehr als je zuvor gefordert, symbolisch etwas über das Wesen
und die Leistung des Gewürdigten auszusagen. Ein besonders gelungenes Beispiel
ist das Denkmal in Torun für den großen Sohn dieser Stadt
Nicolaus Copernicus (1473-1543), geschaffen von
Jozef Kopczynski. Der Name Copernicus erscheint hier gar nicht, statt
dessen die Inschrift Sol omnia regit - die Sonne regiert alles.
Wir hätten dieses Denkmal ebensogut in dem Kapitel über darstellende Geometrie
im weiteren Sinne besprechen können. Sollte nun ein Besucher dieser
Ausstellung fragen, ob bzw. wieso Copernicus denn ein Mathematiker war,
so gibt es zwei Antworten: Erstens, im Verständnis des 15./16. Jhs. ist
Astronomie eine mathematische Wissenschaft (vgl. die Ausführungen zum
Quadrivium). Zweitens, der größere Teil des Hauptwerkes
De revolutionibus orbium coelestium (1543) des Copernicus ist
auch aus heutiger Sicht rein mathematischer Art. Insbesondere spielte es eine
wichtige historische Rolle in der Entwicklung der Trigonometrie.
Auch die (wiederum in zwei Abgüssen existierende) Galileiplastik von
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Und sie bewegt sich doch (Galileo Galilei) |
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Fritz Cremer (1906-1993) ist nicht naturalistisch. Im Grunde scheint
sie sich mehr auf Bert Brecht und sein Galilei-Drama als auf Galilei selbst zu
beziehen. Wie bei Copernicus ist auch im Fall Galilei die Frage des Laien
berechtigt, ob es sich denn bei Galilei um einen Mathematiker handelt. Die
naheliegende Antwort, dass Galilei mit seinen Wurf- und Fallgesetzen das Tor
zur mathematischen Formulierung physikalischer Gesetze aufstieß (Mathematik
ist laut Galilei die Sprache, in der das Buch der Natur geschrieben ist), dass
er viele fruchtbare Fragen aufwarf, z.B. nach der mathematischen Beschreibung
der Zykloiden oder der sogenannten Kettenlinie, kann man noch hinzufügen, dass
Galilei anscheinend als erster, rund 200 Jahre vor Bolzano und 270 Jahre vor
Georg Cantor, auf "Paradoxien des Unendlichen" aufmerksam machte: Die
Quadratzahlen zum Beispiel lassen sich nach Galilei, obwohl sie anscheinend
nur einen kleinen Teil der natürlichen Zahlen darstellen, umkehrbar eindeutig
den natürlichen Zahlen zuordnen. Ist demnach hier, im Widerspruch zum 8. Axiom
Euklids, das Ganze gleich einem seiner echten Teile?
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David Hilbert |
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Die oben gestellte Frage nach dem künstlerischen Wert von porträtähnlichen
Bildern seit Erfindung der Fotografie lässt sich ohne Worte durch das
ebenfalls (wie Liebermanns Felix Klein) im Göttinger Mathematischen Institut
hängende Bild des berühmten Mathematikers David Hilbert (1862-1943)
beantworten.
Da ist uns der Holzschnitt lieber, mit dem wir unsere Galerie
beschließen.
Der berühmte Mathematiker Felix Hausdorff (1868 - 1942), der von 1913
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Felix Hausdorff | "Poeta laureatus" |
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bis 1921 an der Universität Greifswald lehrte, verkehrte während seiner
Leipziger Jahre viel in Künstlerkreisen und schrieb unter dem Pseudonym
Paul Mongré selbst philosophisch-belletristische Texte sowie ein Theaterstück.
Den hier gezeigten, Hausdorff gut karikierenden Holzschnitt mit dem Titel
"Poeta laureatus" schuf Hanns Alexander Müller 1910 nach einer Zeichnung
von Walter Tiemann. Zur besseren Beurteilung stellen wir unseren Besuchern
eine Porträtfotografie von Hausdorff daneben.
WWW-Gestaltung: Alexander Wolff und
Paul Rosenthal,
11. Juli 2006
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